Laras Abschiedsbrief:
Liebster Piet,
wenn du das hier liest, lieg’ ich wahrscheinlich schon nicht mehr auf den Schienen. Ich hoffe, dass du mich nicht mehr sehen musstest. Für meine Entscheidung gibt es einige Gründe, die ich dir gern gesagt hätte, aber als du mich gestern empfangen hast, habe ich gemerkt, dass es dafür - und für uns - zu spät ist.
Ich hab’ die letzte Nacht nicht geschlafen, wie so viele Nächte in den letzten zwei Jahren. Ich will nicht lügen. Sicherlich hab’ ich nicht pausenlos an dich gedacht, aber es verging kein Tag ohne Gedanken an dich. 15 Jahre lang kannten wir uns. Ich hab’ dich nie ganz an mich herangelassen, deine Gefühle für mich schienen mir immer stärker zu sein als das, was ich glaubte für dich zu empfinden. Bis zu dieser Nacht.
Nicht für meine Kinder, nicht für meinen Mann, für nichts auf dieser Welt habe ich solche Gefühle entwickeln können wie für dich. Wenn ich Bilder von dir gesehen hab’, wurden meine Knie weich, ich bekam Herzrasen und wurde zittrig. Trotzdem hab’ ich irgendwann einen Mann geheiratet, von dem ich glaubte, er könnte mir das geben, was mir fehlen würde. Leider warst du nicht zu ersetzen. Und die Erkenntnis kam zu spät.
Als mein letztes Kind geboren wurde’, dachte ich noch kurz darüber nach, bei meinem Mann und meinen Kindern zu bleiben. Dann musste ich wieder an den Tag denken, als du bei uns in der Stadt warst. Ich hatte dich schon erkannt, als du am Bahnhof ausgestiegen warst. Mit tausend Küssen hätte ich dich bedeckt, mich in deine Arme fallen lassen und dich nicht mehr losgelassen. Aber ich konnte nicht. Ich habe deinen Schmerz gesehen. Deine Augen, so schön sie vorher leuchteten, waren leer und schwarz.
Ja, ich hatte gehofft, dass ich dich wieder berühren kann, dass ich dich suchen, finden und einfach in meine Arme schließen kann als würden wir uns gegenseitig lieben. Es tut mir leid…
Deine Lara.
Ich lege ihren Brief zur Seite, blicke in den Lauf einer Pistole, im Hintergrund zuerst unscharf, dann deutlicher:
Der Portier. Der Gärtner. Der Koch. Ihr Mann.