Wenn ein unvollkommener Gedanke allein es schafft, dass ich Trübsal blase, können bestimmte, schöne Erinnerungen vielleicht das Gegenteil bewirken?

Zum Beispiel die Sommerferien Anfang der 90er in Frankreich.

Strotze vor Unbekümmertheit, habe salzige Meeresluft in der Nase, laufe Barfuß über von der Sonne erhitzten Asphalt oder Teer, bis ich im noch heißeren Sand angekommen bin; weich, feinkörnig. Langsam werden meine Zehen von den flachen Wellen umspült, wieder und wieder. Im klaren Wasser kann ich Krebse, kleine Fische und Quallen entdecken. Die Sonne scheint, Sonnencremegeruch liegt in der Luft und Salzkristalle auf der von Sonnencreme weiß schimmernden, fast glänzenden Haut.

Ich blase Trübsal.

Zer-Breche nervös. Kugelschreiberhälften. Gleiten mir aus und durch die Finger. Minengeschwirrwarr streift die Handfläche. Ich bin ein Minenopfer und mach gute Miene zum schlechten Satzbau derer, die hinter dem Pult stehen.

Begrüßungszerwärmungen. Herzliches Händereißen überall.Festhalten und fallen lassen und ich hab keinen Stift mehr, um ins Kondolenzbuch zu schreiben. Zerreiß’ ich halt noch ein paar Hände.

22:47 Liege im Bett. Mein Wecker mit eingebauter Temperaturanzeige behauptet, es wären 31,2 Grad in meinem Zimmer. Gehe kurz zum Fenster, um festzustellen, ob es draußen auch noch so warm ist: Nein!

00:39 Nach den ersten knapp zwei Stunden (oder gefühlten 30 Minuten) Schlaf sind’s angeblich 29,6 Grad. Fenster immer noch weit aufgerissen. Rolle mich zur anderen Bettseite, Richtung Fenster. Von draußen strömt definitiv kühlere Luft rein.

03:12 Die nächste Etappe ist geschafft. In drei Stunden klingelt der Wecker. Genug Zeit, um mal die Temperatur in meinem Brutkasten zu checken: 27,9 Grad. Respekt. So langsam überlege ich, mir die Decke zumindest über die Füße zu legen. Vernehme erstes, zaghaftes Vögelzwitschern.

05:09 Einmal werden wir noch wach,… usw. 61 Minuten bis der Wecker klingelt. 60…59…58…57…nochmal Temperatur prüfen: 27,3 Grad. Nochmal ans Fenster. Ja, draußen ist es kühler. Immer noch. Vögelzwitschern? Vögelbrüllen!

06:10 Wecker klingelt, werde aus einem schönen Traum gerissen und falle bei dem Gedanken an einen weiteren, heißen Tag wie ein nasser Sack in mich zusammen. Die Vögel versuchen sich gegenseitig zu übertönen. 100 Dezibel. 26,7 Grad. 11 1/2 Stunden, bis ich zurück bin. Dann nochmal die Temperatur ablesen, essen, trinken, schlafen, schwitzen.

17:41 Grade nach Hause gekommen: 27,3 Grad. Vermutlich haben die Vögel mein Zimmer in meiner Abwesenheit wärmer gebrüllt…

Still? Nein. Still ist es schon lange nicht mehr.

Draußen hör ich lachende, weinende, kreischende Menschen.

Das Mondlicht schreit auch. Es schreit durch mein offenes Fenster.

Klischeevollmond.

Vollklischeemond.

Vollmondklischee.

Ich schreie den Mond an:

SCHEISS KLISCHEE

Endliche Ruhe? Nein, aber für einen Moment still.

Laras Abschiedsbrief:

Liebster Piet,

wenn du das hier liest, lieg’ ich wahrscheinlich schon nicht mehr auf den Schienen. Ich hoffe, dass du mich nicht mehr sehen musstest. Für meine Entscheidung gibt es einige Gründe, die ich dir gern gesagt hätte, aber als du mich gestern empfangen hast, habe ich gemerkt, dass es dafür - und für uns - zu spät ist.

Ich hab’ die letzte Nacht nicht geschlafen, wie so viele Nächte in den letzten zwei Jahren. Ich will nicht lügen. Sicherlich hab’ ich nicht pausenlos an dich gedacht, aber es verging kein Tag ohne Gedanken an dich. 15 Jahre lang kannten wir uns. Ich hab’ dich nie ganz an mich herangelassen, deine Gefühle für mich schienen mir immer stärker zu sein als das, was ich glaubte für dich zu empfinden. Bis zu dieser Nacht.

Nicht für meine Kinder, nicht für meinen Mann, für nichts auf dieser Welt habe ich solche Gefühle entwickeln können wie für dich. Wenn ich Bilder von dir gesehen hab’, wurden meine Knie weich, ich bekam Herzrasen und wurde zittrig. Trotzdem hab’ ich irgendwann einen Mann geheiratet, von dem ich glaubte, er könnte mir das geben, was mir fehlen würde. Leider warst du nicht zu ersetzen. Und die Erkenntnis kam zu spät.

Als mein letztes Kind geboren wurde’, dachte ich noch kurz darüber nach, bei meinem Mann und meinen Kindern zu bleiben. Dann musste ich wieder an den Tag denken, als du bei uns in der Stadt warst. Ich hatte dich schon erkannt, als du am Bahnhof ausgestiegen warst. Mit tausend Küssen hätte ich dich bedeckt, mich in deine Arme fallen lassen und dich nicht mehr losgelassen. Aber ich konnte nicht. Ich habe deinen Schmerz gesehen. Deine Augen, so schön sie vorher leuchteten, waren leer und schwarz.

Ja, ich hatte gehofft, dass ich dich wieder berühren kann, dass ich dich suchen, finden und einfach in meine Arme schließen kann als würden wir uns gegenseitig lieben. Es tut mir leid…

Deine Lara.

Ich lege ihren Brief zur Seite, blicke in den Lauf einer Pistole, im Hintergrund zuerst unscharf, dann deutlicher:

Der Portier. Der Gärtner. Der Koch. Ihr Mann.

Ich habe lange nicht so gut geschlafen. Warum? Weiß ich nicht. Habe mir vorgenommen, mit ihr zu sprechen, ihr zu erzählen, wie sehr sie mir gefehlt hat. Sie wiederzusehen hat mich doch mehr berührt, als ich zuerst vermutet hatte.

Ich kann den Adler sehen.

Als ich an der Unterkunft ankomme, die Lara sich gestern genommen hat, ist sie nicht da. Der Schlüssel für ihr Zimmer lag heute morgen beim Zimmermädchen. Ohne Nachricht verschwunden.

In der Ferne höre ich Schreie von Menschen, kann eine kleine Menschentraube am Gleis 1 erkennen, einer der Schnellzüge steht nicht weit entfernt. Je näher ich dem Gleis komme, desto genauer sehe ich entsetzte Gesichter, die sich aus dem Zug lehnen und zurück blicken. Nicht wie der Lokführer, der mich damals mitgenommen hat.

Lara liegt auf dem Gleis. Sie ist der Grund für diesen Auflauf. Neben ihr liegt ein Kuvert. Auf dem Kuvert steht mein Name.

Der vermeintliche Adler ist auf einen Felsvorsprung geflogen, von dem er die Szenerie beobachten kann. Jetzt erst sehe ich, dass es kein Adler ist. Die ganze Zeit über war es ein Geier, der nur darauf gewartet hat, dass einer von uns stirbt.

Zwei Jahre sind vergangen, seit ich fluchtartig ihre Stadt verlassen hab’. Ich hab’ versucht, meine innere Leere nicht nach außen treten zu lassen. Es ging nicht, konnte es nicht ertragen. Zu allem Überfluss war sie auch noch mit dem Koch/Portier/Gärtner verheiratet, in dessen Gasthaus ich untergebracht war.

Seitdem bin ich nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu empfinden, sei es Trauer oder sei es Fröhlichkeit. Die Gleichgültigkeit meinem Leben gegenüber diagnostizierte ein Therapeut als Depression. Bekomme Medikamente dagegen.

Heute, in dieser Nacht, hab’ ich mich nochmal an den Bahnhof gesetzt, von dem ich damals losfuhr. Gleis 1 steht neben der Uhr schwarz auf weiß in Großbuchstaben. Leicht beschmutzt von der dreckigen Luft, die die vorbeirasenden Züge hinter sich herziehen. Dann sehe ich sie.

Ich versuche zu lächeln.

Sie lächelt.

Sie rennt auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Erzählt mir, wie lange sie mich schon suchen würde; Dass sie an nichts anderes mehr denken konnte, als mich wieder zu sehen; Dass sie ihren Mann verlassen hat, ihre Kinder; Dass sie alles hinter sich lassen wollte für mich.

Aber ich bin nicht mehr der gleiche. Emotionslos. Kalt. Kann ihre feste Umarmung nicht erwidern. Kann ihr nicht in die Augen sehen, und ihr sagen, wie sehr ich sie liebe.

Ich löse mich aus der Umklammerung. “Nimm dir ein Zimmer, bei mir kannst du nicht…sollst du nicht…wirst du nicht schlafen.” Bringe sie zu einer zentral gelegenen Unterkunft. Wir wechseln keine Worte. Vielleicht morgen.

Sehe aus dem Fenster meines Zimmers. Die Wolken haben sich verzogen. Ich kann nicht hier sitzen und warten, dass etwas passiert, ich muss sie suchen. Sie war hier. Sie ist hier.

Wo fang’ ich an? Wenn es einen Stadtgarten gäbe, wäre sie dann dort? Wenn sie mit der Arbeit fertig wär, müsste sie dann nicht über den Marktplatz, mitten in der Stadt? Dieser Ort ist nicht sonderlich groß, ich konnte beim Einfahren des Zuges die groben Umrisse erkennen. Vielleicht 10.000 Seelen. Die hohe Wahrscheinlichkeit, sie wiederzusehen, nimmt mir den Atem, muss mich setzen.

Ich sehe sie. Müsste zu ihr rennen. Sie umarmen. Sie küssen. Ihr flüstern, wie sehr ich mich nach ihr gesehnt habe. Ich kann nicht. Sie trägt ein kleines Kind in ihren Armen, ein weiteres ist deutlich an der Form ihres Bauches zu erkennen. Sie wirkt glücklich. Ist sie glücklich?

Für einen Moment schweift mein Blick umher. Vielleicht war sie es nicht und ich hatte Wahnvorstellungen. Überall sehe ich Lara. Sie kann es nicht gewesen sein. Sie wollte nie Kinder. Nie.

Sie steht vor mir. Sie hat mich erkannt.

Sie lächelt.

Ich lächle.

Ich sterbe.

Langsam wander’ ich durch diese Stadt, die Ihren Namen durch jeder Fuge flüstert: Lara.  Wenn sie nicht hier lebt, dann war sie definitiv schon hier. Mein Körper mahnt mich zu rasten, zu trinken, zu essen, zu schlafen, mich zu waschen. Etwas abseits entdecke ich ein kleines Gasthaus. Ich trete durch die leise knarrende Tür in dieses beschauliche, kleine Lokal. Auch hier scheint Lara etwas hinterlassen zu haben, etwas persönliches. Ich kann sie fast spüren.

Zum Empfang stolpert durch mein Klingeln ein Mann in circa meinem Alter, hinter ihm ein Schlüsselbrett für vielleicht ein dutzend Zimmer, zehn Schlüssel fehlen. Er sieht mir tief in die Augen. “Wieviele Nächte wollen Sie bleiben?” fragt er mich, ohne mich zu begrüßen. Entweder fehlt ihm die Routine oder er ist durch die fast vollständige Auslastung genervt. Er bemerkt seine Unhöflichkeit und fügt an “Entschuldigung, willkommen. Zu wenig Personal. Normalerweise macht das meine Frau. Also, wieviele Nächte?” Seine plumpe Art gefällt mir. Da ich ihm nicht sagen kann, wie lange ich bleiben werde, nehm’ ich eins der Zimmer für eine Woche. “Frühstück gibt’s da vorne links, Buffet und so weiter. Greifen Sie zu. Ist im Preis drin. Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss in die Küche”. Wenn er in der Küche genauso arbeitet, ess’ ich morgen woanders.

Im zweiten Stock mein Zimmer, klein, unspektakulär. Nachdem ich mich geduscht und umgezogen habe, erinnert mich mein Magen daran, zum Buffet zu gehen. Das besteht hauptsächlich aus Eiern, Toastbrot, getrocknetem Fleisch und ein bisschen Milch. Entweder bin ich zu spät dran oder der Koch/Portier ist in Wahrheit der Gärtner.

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